"Weihnachtsoratorium", Teil I-III und "Magnificat" von Johann Sebastian Bach

Bezirkskantor Hans-Joachim Renz hatte seinen Chor hervorragend auf die musikalischen Herausforderungen vorbereitet: Eindrucksvolle Musik zur Weihnacht gab es am Abend des dritten Advent in der Backnanger Stiftskirche.Foto: E. Layher

Foto: E. Layher

aus der Backnanger Kreiszeitung

vom, 14. Dezember 2010, Kultur

Berührende Klänge, große Musizierfreude

Stiftskantorei, collegium musicum und Solisten führten Bachs Magnificat und die ersten Teile des Weihnachtsoratoriums auf.
Ein Kirchenkonzert von besonderer Klasse fand am Abend des dritten Advent in der Stiftskirche statt. Unter der souveränen Leitung von Hans-Joachim Renz wurden das Magnificat und die ersten drei Teile des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach aufgeführt.

 
Von Christoph Rothfuss
BACKNANG. Die Mitwirkenden waren die Sänger der Stiftskantorei, das collegium musicum Stuttgart und vier exquisite Solisten. Das Weihnachtsoratorium ist das wohl populärste Vokalwerk der abendländischen Musikgeschichte, und dementsprechend voll war dann auch die Stiftskirche.
Doch zunächst stand das Magnificat auf dem Programm. Dieses Werk versammelt zwölf Musikstücke, die in ihrer prägnanten Kürze allesamt Perlen sind. Nach einem kurzen schwungvollen Orchestervorspiel ist der Chor sofort voll gefordert: Anspruchsvolle Koloraturen (Magnificat) sind da zu meistern. Man hört sogleich, dass Bezirkskantor Renz seinen Chor exzellent vorbereitet hat. Auf der Basis solider Technik kann sich eine Musizierfreude entwickeln, die das Publikum mitreißt. Es folgten zwei Sopransoli mit Johanna Zimmer. Diese junge Sängerin, die ihre Wurzeln im Backnanger Umfeld hat, überzeugte mit einem weichen Klang, der besonders auch im Zusammenspiel mit der Solooboe schön zum Tragen kam. Auch die anderen drei Gesangssolisten durften sich präsentieren, vor allem der sonore Bass Tobias Schabel und der volle Alt von Anne Greiling gefielen. Gewaltig dann der Chor (Fecit potentiam) mit einer überwältigenden Textdeklamation. Als bei dem Wort „superbos“ die Musik mit einem dissonanten Akkord abrupt abreißt, scheint einem das Blut in den Adern zu gefrieren.
Doch dabei blieb es nicht, stattdessen folgten zwei Nummern, die überaus tröstlichen Charakter hatten, wunderschön die Altarie mit zwei Solotraversflöten und Pizzicato bei Celli und Kontrabass. Mit einer Fuge leitete der Chor das Ende dieses Werkes ein, das sich als große Entdeckung dieses Abends erwies.
Bach schrieb sein Weihnachtsoratorium 1734/35 und verwendete dafür auch Passagen früherer Werke. Dieses Parodieverfahren war arbeitsökonomisch, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er die Musik dem neuen Text angemessen umarbeitete.
Der erste Chor (Jauchzet, frohlocket! Auf, preiset die Tage) ist in seiner Festlichkeit und Frohgestimmtheit überwältigend. Mit Pauken und Trompeten unterstützt und trägt das Orchester diese Stimmung. Hans-Joachim Renz hatte die vielen Mitwirkenden voll im Griff, mit präzisen Bewegungen formte er den gewaltigen Klangkörper zu einer einheitlichen Aussage. Nun hat der Tenor Daniel Jenz als Evangelist eine tragende Rolle, er verkündet die biblischen Texte der Weihnachtsgeschichte. Mit seiner sehr beweglichen Stimme ist er immer wieder ein Fixpunkt im Geschehen. Eine weitere Ebene bilden die kommentierenden und reflektierenden Arien, deren Texte Neudichtungen sind. Vor allem die Alt-Arien sind glänzende Kleinodien, in denen subjektiv die Geschehnisse gedeutet und aufgenommen werden. Da kommt zunächst die Vorfreude zum Ausdruck (Bereite dich, Zion), dann ein Schlaflied (Schlafe, mein Liebster: genieße der Ruh) und zum Schluss ein Fazit für den Glauben (Schließe mein Herz, dies selige Wunder). Der Chor steuert sogenannte Turba-Chöre bei und natürlich die glaubensgewissen Choräle, die eine weitere tragende Säule des Oratoriums sind. Das collegium musicum Stuttgart ist ein Ensemble, das aus hervorragenden Solisten besteht, welche auf Barockinstrumenten spielen. Dies kommt bei der den zweiten Teil einleitenden Sinfonia zur Geltung, die Renz pastoral-wiegend anlegt. Daneben glänzen die erste Geigerin, der Trompeter auf seiner ventillosen Naturtrompete, die Oboistin und die zwei Traversflöten mit Soli. Als der Engel (Johanna Zimmer) verkündet: „Fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude“ und die hohen Streicher einen im gleißenden Licht erstrahlenden Klangteppich darunter legen, da ist es in der Backnanger Stiftskirche schon ein kleines bisschen Weihnachten geworden.