Wohltuende Würde und Ernsthaftigkeit

Berührender Hörgenuss: Barbara Zeller (Sopran) und Claudia Göltenboth (Violine).Foto: A. Becher

Wohltuende Würde und Ernsthaftigkeit

aus der Backnanger Kreiszeitung vom 07.04.2015

Konzert mit geistlicher Musik ermöglichte einen bewusst begangenen Karfreitag

Von Christoph Rothfuß

BACKNANG. Zur Sterbestunde Jesu fand in der Backnanger Stiftskirche ein Konzert mit geistlicher Musik unter dem Titel „Stabat Mater“ statt. Bezirkskantor Hans-Joachim Renz musizierte zusammen mit Barbara Zeller (Sopran) und Claudia Göltenboth (Violine) Werke vom frühen Barock bis zur Hochromantik.

In der Programmgestaltung war ein bemerkenswerter ökumenischer Ansatz federführend; protestantische Passionsmusik rahmte einen Mittelteil, der mit Josef Rheinberger und Franz Lachner zwei katholische Kirchenmusiker der süddeutschen Romantik zu Wort kommen ließ. Dabei waren die Gewichtung und die Fokussierung so gut austariert, dass es einen schlüssigen und berührenden Hörgenuss, einen bewusst begangenen Karfreitag ermöglichte. Dazu trug natürlich in ganz großem Maße die herausragende Interpretationsleistung der drei Musiker und die liturgische Durchdringung und das in seiner Persönlichkeit beinahe überpersönliche Gebet von Dekan Wilfried Braun bei.

„Fürwahr, er trug unsere Krankheit“, mit diesem Geistlichen Konzert von Johann Hermann Schein (1586-1630) eröffnete die Sopranistin Barbara Zeller den Abend. Die Musik strahlt eine wohltuende Würde und Ernsthaftigkeit aus. Andächtige Innigkeit liegt in Zellers glockenklarer Sopranstimme, hohe Töne setzt sie im Pianissimo an.

„Ein Lämmlein geht und trägt“ führt weiter in den Kern christlicher Heilsgeschichte hinein; dem unsagbaren Schmerz des Glaubenden über den Sühnetod des Gottessohnes wird musikalisch behutsam nachgespürt. Seufzermotive der Violinstimme verstärken diesen Sog der Passion. Mit einer Violinfantasie von Georg Philipp Telemann (1681-1767) wird dieser erste Block abgeschlossen, Claudia Göltenboth überzeugt mit einer sauberen Intonation und Diktion, Doppelgriffe, schnurrende Triller und virtuose Aufschwünge gelingen ihr mühelos. Sie füllt mit ihrem filigranen Instrument mühelos alle Winkel der voll besetzten Stiftskirche. Durch überzeugende Terrassendynamik und feinste Echowirkungen gestaltet sie mühelos und stringent verschiedene Register und Aussageebenen.

Nach einer Lesung von Dekan Braun erklang der erste der „Sechs religiösen Gesänge“ von Josef Gabriel Rheinberger (1839-1901) mit dem Titel „Sehet welch eine Liebe“. Die Musiker spielen nun von der Empore herab, der romantische Orgelsatz ist bei Renz und auf der großen Stiftskirchenorgel bestens aufgehoben, Barbara Zeller kann ohne stimmliche Forcierung mühelos klanglich mithalten.

Jetzt war man sehr gespannt auf das „Stabat Mater“, op.168, ein Spätwerk des deutschen Komponisten und Dirigenten Franz Lachner (1803-1890). Lachner war ein Freund von Franz Schubert und schrieb selbst über zweihundert Lieder, acht Sinfonien. Aufgrund seiner Ablehnung der Musik Richard Wagners, dessen Opern er als Dirigent dennoch öfters aufführte, geriet er rezeptionsgeschichtlich etwas ins Abseits, auch warf man ihm vor, seine Musik sei zu sehr handwerklich gedacht. Davon spürt man an diesem Abend nichts, Lachners Spätwerk weist schon auf Bruckner voraus, er studierte beim selben Lehrer wie Bruckner in Wien, Simon Sechter, und sein „Stabat Mater“ schildert in sieben Bildern sehr anrührend und bewegend die Situation der Frauen und vor allem Jesu Mutter, die fassungslos und voll Trauer am Kreuz Abschied nehmen müssen.

Eigentlich für zwei Soprane und Begleitung gedacht, übernimmt Claudia Göltenboth die zweite Sopranstimme, und es entspannt sich ein packender Dialog zwischen den beiden Stimmen. Wenn im dritten Teil einer weiteren Fantasie von Telemann Triolen im Dreiertakt erklingen, also die Zahl drei in drei musikalischen Parametern formbildend wirkt, traut man sich sogar - im Wissen um das barocke Rhetorikideal - von einem Niederschlag göttlicher Trinität in der Musik zu sprechen.

Nachdem noch einmal Schein zu Wort kam, der als Thomaskantor in Leipzig zusammen mit seinem Freund Heinrich Schütz (Dresden) und Samuel Scheidt (Halle) die mitteldeutsche protestantische Kirchenmusik auf viele Jahre prägen sollte, endete die musikalische Stunde mit der Kantate „Also hat Gott die Welt geliebt“ von Dietrich Buxtehude (1637-1707). Buxtehude vertont hier einen Satz aus dem dritten Kapitel des Johannesevangeliums und fasst so die Heilsgeschichte des Schöpfers mit seinen Menschen musikalisch zusammen.

Auf Beifall verzichteten die Musiker bewusst, die Glocken der Stiftskirche entließen die tief bewegten Zuhörer in einen bewusst wahrgenommenen Karfreitagabend.