Passionskonzert 2012

aus der Backnanger Kreiszeitung; Backnang & Kreis 10.04.2012

Eindrucksvoll und bombastisch


Stiftskirchenkantorei hatte zum Passionskonzert geladen – Musikblöcke durch Schriftlesungen wirkungsvoll ergänzt

Vier- bis achtstimmige Motetten sowie eines der bedeutendsten Orgelwerke bildeten den Inhalt einer beeindruckenden Chormusik, welche die Kantorei der Stiftskirche am Karfreitag in der Stiftskirche bestritt. Die Leitung lag in Händen von Hans-Joachim Renz, der auch die Orgel spielte. Liturgische Worte sprach Dekan Wilfried Braun.

Von Mathias Klink

BACKNANG. Auch auffallend viele auswärtige Gäste hatten sich zu diesem vorösterlichen kirchenmusikalischen High-Light eingefunden. Und so war Backnangs Stiftskirche bereits gut gefüllt, lange bevor die Glocken vom Stadtturm zu diesem eindrucksvollen Passionskonzert luden, die Lichter im Schiff sowie auf den Emporen verlöschten und nur noch der im Altarraum Aufstellung genommene Chor angestrahlt und beleuchtet wurde. Mit „O Lamm Gottes unschuldig“ von Michael Praetorius wurde gleich ein thematisch markanter und musikalisch anspruchsvoller Auftakt gesetzt. Gerade in dem nach mehrstimmigem Wechselspiel vereint vorgetragenen „Erbarm dich unser“ kam sowohl die Stimmgewalt der Kantorei der Stiftskirche sowie die ausgezeichnete Akustik des Gotteshauses voll zur Wirkung. Getragen-schwermütig beginnend, wurde Anton Bruckners „Christus factus est“ nach einem Text aus Philipper 2 fast schon atemberaubend umgesetzt. Mit der jüngsten Komposition, Hugo Distlers „Fürwahr, er trug unsere Krankheit“ folgte schließlich ein weiteres anspruchsvolles Chorwerk, welches in den den Choral „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ mündet.

Bei Max Regers Fantasie und Fuge über B-A-C-H handelt es sich zweifellos um eines der bekanntesten und bedeutendsten Orgelwerke der Romantik. Eigentlich nur als bombastisch zu bezeichnen, kann man es am Besten mit geschlossenen Augen auf sich wirken lassen. Von Hans-Joachim Renz meisterhaft umgesetzt, bewies der Organist damit gleichzeitig einmal mehr, warum die Orgel zurecht als „Königin der Instrumente“ bezeichnet wird. Denn nicht nur während der Fantasie, sondern auch am Ende der leise beginnenden und sich dann an Lautstärke und Tempo steigernden Fuge blieb einem aufgrund der unglaublichen Klangfülle zuweilen buchstäblich fast die Luft weg. „Toll“, dieses Wort konnte man hernach von den Lippen einer sichtlich berührten Zuhörerin deutlich ablesen.

Mit Texten aus Jesaia 53 und Markus 15 über Jesu Kreuzigung und Tod verband und ergänzte Dekan Wilfried Braun die Musikblöcke durch passende Schriftlesungen. So auch hier, bevor nach dem Orgelspiel die Kantorei zu Antonio Lottis sechsstimmiger Motette „Crucifixus“ nach Worten des nicänischen Glaubensbekenntnisses anstimmte. Fast schon dramatisch dann nach zunächst reinem Männergesang der Einsatz des Frauenchors in dem liturgischen Gesang „Was habe ich dir getan, mein Volk“ des Komponisten Heinrich von Herzogenberg. Mit Heinrich Schütz‘ „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ trug die Kantorei nicht nur ein weiteres niveauvolles Chorwerk, sondern wohl auch das populärste Stück in diesem beeindruckenden Passionskonzert vor. Bevor nach gemeinsam gesprochenem Gebet mit dem nun im Chorraum vorgetragenen „O Lamm Gottes unschuldig - gib uns deinen Frieden“ ein würdiger und stimmungsvoller musikalischer Ausklang gefunden wurde. Die Friedensbitte und der Segen (nicht Applaus) standen daher auch am Ende dieser Chormusik zur Passion, welche Beifall und Ovationen freilich genug verdient gehabt hätte. „Drei Räuber kreuzigt man heute auf Golgatha“, ließ Dekan Braun die ergriffen lauschenden Zuhörer stattdessen wissen, bevor sie die Stiftskirche in aller Stille verließen. „Der linke nahm mir mein Geld, der rechte nahm mir mein Gut, der in der Mitte nahm mir meine Schuld.“