Sport, Meditation und ein Orgelkrimi

Bei der sechsten Orgelradtour ging es von Backnang über Erdmannhausen bis Marbach

Sportliche Betätigung, kombiniert mit einem in dieser Form einmaligen Kulturgenuss: Am Pfingstmontag fand die sechste Orgelradtour statt. Drei sehr unterschiedliche Orgeln und drei kurze Orgelkonzerte von Reiner Schulte, Hans-Joachim Renz und Gottfried Mayer als musikalische Stationen auf einer Radtour – das ist ein besonderes Erlebnis.

Drei Organisten, eine Tour (von links): Hans-Joachim Renz spielte in Erdmannhausen, Gottfried Mayer in Marbach und Reiner Schulte in Backnang. Ausgangspunkt war die Matthäuskirche in Backnang. Foto: J. Fiedler

Von Christoph Rothfuß

BACKNANG. Der Startpunkt war die Matthäuskirche in Backnang: Im Jahre 1982 wurde dort die dreimanualige Tzschöckel-Orgel mit einundzwanzig Registern eingeweiht. Diese Orgel besticht durch ein sehr ausgewogenes Klangbild, darüber hinaus besitzt sie sehr charakteristische Soloregister wie die Rohrschalmey 8‘. Der katholische Dekanatskirchenmusiker Reiner Schulte stellt diese Orgel mit ihren Besonderheiten in knapper Form sehr eindrücklich vor. Zunächst ein Werk des Schweizer Komponisten Carl Rütti mit dem Titel „Die Himmelsleiter“. Vogelgezwitscher ist hier zu vernehmen, ebenso wie alpenländische Jodler. Schulte setzt auf starke Klangkontraste, mal ist die Musik „schwebend“ und „kreisend“, Pendelbewegungen können nachvollzogen werden. Johann Sebastian Bach bearbeitete Konzerte von Vivaldi für die Orgel, Reiner Schulte brilliert mit sehr lebhaften Tempi und präsentiert in den den Tutti-Stellen zwischengeschobenen Ripieno-Passagen sehr schöne Flöten.

Das etwas unsichere Wetter meint es dann doch gut mit den radelnden Orgelfans, trocken kam man in Erdmannhausen an der Januariuskirche an. Dort steht die neueste Orgel der Tour, vor vier Jahren wurde die zweimanualige Mühleisen-Orgel mit siebzehn Registern fertiggestellt. Bezirkskantor Hans-Joachim Renz präsentiert dieses reizvolle Instrument, welches ein sehr direktes Klangbild besitzt. Quicklebendig und quirlig mit sehr viel Laufwerk erklingt das Praeludium d-Moll von Johann Pachelbel. Gunther Martin Göttsche schrieb 2004 eine Choralpartita über „Jesu, meine Freude“ mit sieben Sätzen, die sich sehr eng an die Strophen anlehnen. Archaische Klänge, getupfte Bässe. Renz legt viel Spielfreude an den Tag, mal elegisch, mal jazzig. Ein diabolisches Ostinato („Trotz dem alten Drachen...“) wütet. Ein weiteres zeitgenössisches Stück von Richard Beyer folgt: Toccata-Carioca für Orgel (1997). Mitreißende südamerikanische Rhythmen, als am Ende noch der Zimbelstern erklingt, haben nicht nur die Kinder ihre helle Freude. In der Marbacher Alexanderkirche, dritte und letzte Station der diesjährigen Orgelradtour, steht die älteste Orgel, die ihren Weg nach Marbach unter abenteuerlichen Umständen gefunden hat, ein echter Orgelkrimi. Im Jahre 1868 wurde sie von der Orgelmanufactur Louis Voit & Söhne, Durlach, für St. Gallus in Ladenburg erbaut. Sie besitzt vier Werke mit einundvierzig Registern und ist als Typus der romantischen Orgel mit Kegellade heutzutage ein überaus seltenes Exemplar. Im Jahr 2005 wurde sie restauriert und teilrekonstruiert, sie besitzt – und das ist typisch für romantische Orgeln – sehr viele Grundstimmen, aber noch kein Schwellwerk. Gottfried Mayer, Stadtkirchenkantor in Murrhardt, hat sein Programm sehr gut auf die Gegebenheiten abgestimmt. Er spielt Werke der Romantiker Max Reger und Sigfrid Karg-Elert. Die ganze Klangpracht der Voit-Orgel wird dargestellt, aber auch lyrische Passagen entfalten ihren Reiz, manche Soloregister sind dermaßen charakteristisch, dass man sie so schnell nicht wieder vergessen wird.

Das gilt für die ganze Orgelradtour 2013: Sie war ein Erlebnis, das noch einige Zeit nachwirken wird. Die Vielseitigkeit der Orgeln, die sakrale Würde der Kirchengebäude, die Kunstfertigkeit der Interpreten und die abwechslungsreiche und anspruchsvolle Radstrecke. Man freut sich auf die Orgelradtour 7.0.

 

aus der BKZ vom 22.05.2013