Orgelradtour 2010

> Sport und Kultur: Die Teilnehmer der Orgel-Radtour wurden in die Besonderheiten verschiedener Orgeln eingeweiht.Fotos: C. Ohst

Fotos: C. Ohst

aus der Backnanger Kreiszeitung

vom, 18.05.2010

Der Klang der Pfeifen und die Mechanik


Die Orgel-Radtour des evangelischen Kirchenbezirks Backnang führte über Oberstenfeld nach Großbottwar
 
Von Cornelia Ohst
BACKNANG. Einmal schon musste aufgrund schlechter Wetterbedingungen die Orgel-Radtour des evangelischen Kirchenbezirks Backnang verschoben werden. Nun allerdings hatten die rund 30 musikalischen Radfreunde Glück. Bei der Route, die von Backnang über Oberstenfeld nach Großbottwar führte, zeigt sich kein Regentropfen, und selbst die Temperaturen sind moderat. Bereits zum vierten Mal organisiert Bezirkskantor Hans-Joachim Renz mit seinem katholischen Kollegen, dem Kirchenmusiker Reiner Schulte sowie Kantor Gottfried Mayer aus Murrhardt, die unterhaltsame Tour, bei der die sportliche Bewegung und das Kennenlernen unterschiedlichster Orgeln aus der Region, im Vordergrund stehen.
„Dieses Mal haben wir zum Vergleich drei verschiedene Orgeltypen mit unterschiedlichen Bauzeiten ausgewählt“, erzählt Hans-Joachim Renz. Die Orgel der Backnanger Markuskirche wurde im Jahr 2001 erbaut, die älteste Orgel auf dem Tourenplan steht in der Oberstenfelder Stiftskirche. Sie wurde 1886 erbaut. Als dritte und letzte Station, die es mit dem Rad zu erkunden gilt, wurde die Martinskirche in Großbottwar besichtigt. Deren Orgel war neu aufgebaut und im Dezember 2009 eingeweiht worden.
Vorgestellt und für die umstehenden Laien liebevoll, als auch detailliert erklärt, wird sie vor Ort von Orgelbaumeister Friedrich Tzschöckel aus Althütte-Fautspach. Staunend betrachten die Teilnehmer der Orgel-Radtour die 27 Register und 1356 Pfeifen mitsamt historischem Gehäuse. Sie bieten eine Klangfülle vom 16-füßigen Bordun-Bass bis hin zu Trompete, Rohrschalmei und Waldflöte. Ein Register, das Zarthornachtfuß, ist noch von dem Backnanger Organisten und – wie es Renz ausdrückt – „Orgelverrückten“ Wilhelm Seitz, der fünf Register erfunden hat. Spannend für die Backnanger Besucher wird es, als Tzschöckel auch den Spieltisch der Orgel öffnet und die komplizierte Mechanik veranschaulicht.
Zudem motiviert Tzschöckel die Gruppe mit den Worten: „Besser, Sie stellen mir Fragen, denn ich kann bis morgen früh schwätzen.“ „Wie teuer war denn das Instrument?“, möchte einer der Teilnehmer wissen. „Das verrate ich nicht“, lautet die prompte Antwort von Friedrich Tzschöckel, doch eine ungefähre Vorstellung erhalten die Zuhörer dann doch, zwischen 250000 und 300000 Euro.
Mit großen Augen verfolgen die interessierten Zuhörer schließlich auch die akustische Demonstration einzelner Pfeifen, deren Klangbild der Orgelbauer mit dem Luftstrom seines eigenen Atems darstellt. Das gesamte Klang-Spektrum der Orgel dürfen die Orgelradtour-Teilnehmer schließlich auch erfahren. Hans-Joachim Renz spielt vier Stücke von Komponisten, die er unter die Rubrik „Viel zu früh verstorben“ einreiht: Felix Mendelssohn, Max Reger, Leon Boëllmann und Johann Sebastian Bach. Dabei werden stets zwei gleiche Werke, um die Vergleichbarkeit der unterschiedlich tönenden Orgeln zu demonstrieren, in jeder der drei Kirchen gespielt: nämlich die Choralvorspiele „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ von Bach und Max Regers „Was mein Gott will, das g’scheh allzeit“.
Für Katharina Haffner klingen die Stücke auf der romantischen Walcker-Orgel in Oberstenfeld am schönsten. Doch beim letzten Stück, der „Suite Gotique“ von Leon Boëllmann, kommen ihr doch ein paar Zweifel. „Das hatte jetzt auch einen gewaltigen Sound“, meint sie beeindruckt. Vielleicht aber liegt es auch daran, dass sie befolgt hat, was Organist Renz vorab empfohlen hat: „Schließen Sie am besten die Augen und stellen Sie sich vor, Sie seien in einer Pariser Kathedrale.“ Wie auch immer, Hauptsache, es hat Spaß gemacht. „Und ob!“, sagt die Orgelmusik liebende Radlerin, denn ihr gefällt die geglückte Mischung aus Naturerleben und Kultur sehr gut. „Ich bin schon zum zweiten Mal dabei.“