Orgelkonzert zum Ewigkeitssonntag

aus der Backnanger Kreiszeitung vom, 24. November.2010


An den Grenzen des Spielbaren


Der junge Organist Kai Dolde überzeugte bei seinem Konzert in der Stiftskirche
Kai Dolde hatte für sein Orgelkonzert vier gewichtige Werke der Orgelliteratur ausgewählt und demonstrierte mit ihnen sein Können und die klanglichen Möglichkeiten der Backnanger Stiftskirchenorgel. Eröffnet wurde das Konzert mit dem Präludium G-Dur von Nikolaus Bruhns (1665 bis 1697).



Von Christoph Rothfuss
BACKNANG. Mit sauberer Artikulation meistert der junge Organist Doppelläufe, Passagen mit Punktierungen und Pedalsoli. In das Präludium hat Bruhns eine Doppelfuge integriert, die Dolde mit sanften Stimmen hervorhebt; dazwischen finden sich brillante Einschübe.
Nach der Lesung aus Johannes 5 spielt Kai Dolde die Sonate V, C-Dur, BWV 529, von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750). Diese Sonate ist wie ihre fünf Schwesterwerke eine Triosonate, das heißt, dass alle drei Stimmen (linke Hand, rechte Hand und Pedal) völlig obligat wie eigenständige Instrumente gehandhabt werden. Fürs „Allegro“ wählt Dolde ein spritziges Tempo, das Pedal ist wunderschön getupft, quasi pizzicato. Das „Largo“ legt er stimmungsvoll getragen an, die Zuhörer können dank klanglicher Transparenz gut mitverfolgen, wie sich die Stimmen ineinander verwickeln und auch wieder entknoten. Das abschließende „Allegro“ bietet der Nachwuchsorganist fröhlich springend dar.
Nach einer weiteren Lesung (ein Gedicht zum Totensonntag von Ingeborg Bachmann) stand „Präludium und Fuge über B-A-C-H“ von Franz Liszt (1811 bis 1886) auf dem Programm.
Hier handelt es sich um ein Virtuosenwerk, sprich: ein Werk von einem Virtuosen für Virtuosen, und dass Kai Dolde zweifellos ein solcher ist, bewies er mit seiner Interpretation. Emphatisch-mitreißend bietet er die schweren Läufe und chromatischen Abschnitte, reizt die Klangmöglichkeiten der Orgel voll aus und geht phasenweise bis ins tiefste Pianissimo zurück. Die Fuge legt er ebenfalls flott an, dennoch ist jeder Stimmeinsatz gut durchhörbar. Eine Meisterleistung des jungen Organisten!
Nach Gebet und Segen (Psalm 90) spielte Dolde „Gebrochene Flügel“ von Tilo Medek (1940 bis 2006). Dieses Werk ist ein großartiges Klangexperiment. Hier finden sich irisierende und aggressive Klänge, eine geradezu bedrohliche, apokalyptische Ausdruckswelt bricht sich Bahn. Tonale Splitter werden sequenzierend nach oben geführt und Cluster aufeinandergeschichtet. Eine Klangcollage, die in ihren Bann zieht. Am Ende wird der Orgelmotor abgeschaltet, es entstehen Klänge, die überirdisch wirken, manch einer wähnt sich, einem Flugzeugabsturz beizuwohnen.
Ein Konzert, das auf voller Linie überzeugte und bewies, wie spannend Orgelmusik sein kann.