Leidensgeschichte ergreifend dargestellt

Bei Passionskonzert in der Stiftskirche führten Kirchenchor und Solisten Johannes-Passion von Heinrich Schütz auf

Von Elisabeth Klaper

BACKNANG. Eine facettenreiche musikalische Meditation über das Leiden und Sterben Jesu Christi hörten die vielen Besucher des Passionskonzerts am Karfreitag in der Stiftskirche. Das Programm umfasste Instrumental- und Vokalkompositionen aus dem Barock und dem 20. Jahrhundert.

Höhepunkt war die ausdrucksstarke Aufführung der Johannes-Passion von Heinrich Schütz (1585 bis 1672) durch den Kirchenchor der Stiftskirche und Solisten unter der Leitung von Bezirkskantor Hans-Joachim Renz. In der „Historie des Leidens und Sterbens unsers Herrn und Heilandes Jesu Christi nach dem Evangelisten St. Johannem“ (Schütz-Werke-Verzeichnis 481) schuf der etwa 80-jährige Komponist ein schlichtes, aber ergreifendes liturgisch-musikalisches Drama. Das außergewöhnlich breite Spektrum der Emotionen und dramatischen Phasen reicht von leisen Andeutungen des Geschehens bis zu hoch affektvollen, expressiven Gefühlsausbrüchen der Akteure, bleibt aber stets streng dem Evangeliumstext untergeordnet. So spricht die etwa 350 Jahre alte A-cappella-Komposition auch den modernen Menschen an.

Alle Mitwirkenden boten ihre Partien mit Bravour, großem Engagement und Einfühlungsvermögen dar. Für den Evangelisten, den Tenor Frank Bossert überzeugend präsentierte, gestaltete Schütz einen eigenen Rezitationston, den er von den liturgischen Gesängen der Priester ableitete. Zugleich wirkt der Evangelist wie ein Augenzeuge, der ob der schrecklichen Ereignisse von seinen Gefühlen überwältigt wird. Dagegen bewahrt Jesus Christus auch in den qualvollsten Momenten die Ruhe und Würde des Gottessohnes. Jens Paulus interpretierte die Partie mit seiner warmen Baritonstimme sehr feinfühlig.

Tenor Samuel Walther verdeutlichte mit bebender Stimme, wie verunsichert Pilatus ist, der ja nichts falsch machen will, und welche Gewissensnöte er dabei hat, den unschuldigen Jesus zu verurteilen. Der Kirchenchor, von dem einige Sänger als Soliloquenten auftraten, brachte die Volksszenen lebhaft zum Ausdruck. Besonders dramatisch wirkten die schnellen, kurzen, rhythmischen Chöre in Motettenform mit knappen Sätzen für die zynischen Spottverse und impulsiven „Kreuzige ihn“-Schreie, die effektvoll dicht gestaffelt aufeinanderfolgten.

Vor der Aufführung interpretierte Hans-Joachim Renz zwei Orgelwerke von ernster Feierlichkeit zur Einstimmung. In derselben Tonart wie das A-cappella-Werk von Schütz stehen Präludium und Fuge e-Moll von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750, Bach-Werke-Verzeichnis 548). Wie eine musikalische Kathedrale wirkt das Präludium, ein monumentales, Tonkunstwerk mit dramatischem Beginn und strahlendem Dur-Schluss. Die reich ausgearbeitete Fuge basiert auf einem Kanon über den dornengekrönten Christus und bildet eine Kreuzfigur.

Die frühbarocken Passionslieder „O Haupt voll Blut und Wunden“ und „O Traurigkeit, o Herzeleid“ bilden das melodische Gerüst für die dreiteilige Kleine Partita von Johann Nepomuk David (1895 bis 1977). Darin dominiert eine traditionelle, getragene Harmonik, die Trauer und Schmerz nuancenreich ausdrückt in der virtuosen Klangsprache der Spätromantik und des Impressionismus.

Dekan Wilfried Braun vertiefte die Passionsmusik mit Lesungen von Texten, die verdeutlichten, dass Jesus durch sein Leiden und seinen Tod am Kreuz alle Menschen und die ganze Welt erlöst hat. Braun trug Verse aus Psalm 22 vor, wie den Verzweiflungsschrei „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, Strophen aus „O Haupt voll Blut und Wunden“ von Paul Gerhardt und des Schlusschoral-Textes der Johannes-Passion: „O hilf Christe, Gottes Sohne durch dein bitter Leiden, dass wir dir stets untertan, all Untugend meiden.“

 

Aus der BKZ vom 02.04.2013