"Die Schöpfung" von Joseph Haydn

aus der Backnanger Kreiszeitung; Kultur 10.10.2012

Kaleidoskop an Stimmungen und Bildern

Haydns „Schöpfung“ unter der Leitung von Bezirkskantor Hans-Joachim Renz wurde im Bürgerhaus aufgeführt

Von Christoph Rothfuss

BACKNANG. Als Joseph Haydn sich in den Jahren 1796 bis 1798 daranmachte, sein Oratorium „Die Schöpfung“ zu komponieren, war er nicht zuletzt inspiriert von den großen Werken Händels. Sein Ziel war es, im Idiom der späten Wiener Klassik ähnlich Monumentales zu schaffen. Als dann im März 1799 die öffentliche Uraufführung im alten Burgtheater stattfand, war das Wiener Publikum äußerst begeistert, sogar die kaiserliche Familie stimmte in euphorische Jubelrufe ein.

Die Tradition der Aufführung von Oratorien im Backnanger Bürgerhaus ist noch nicht sehr alt, aber man wünscht ihr eine erfolgreiche Zukunft. Was nun unter der Leitung von Bezirkskantor Hans-Joachim Renz zu hören war, hätte noch mehr Zuhörer verdient gehabt, zudem führte eine Panne des Kartensystems im Bürgerhaus zu einer langen Schlange und einem verspäteten Beginn. Doch wer alle Hindernisse überwand und bei dieser außergewöhnlichen Aufführung dabei war, ging mit dem Gefühl nach Hause, dass es sich gelohnt hatte.

Haydns Uraufführung wurde von 120 Instrumentalisten und 60 Sängern bestritten, Renz setzte die Gewichtung etwas anders. Die Stiftskantorei, verstärkt um Gastsänger, umfasste 85 Akteure, die mehr als 30 Mitglieder des Stuttgarter Orchesters collegium musicum hielten glänzend dagegen. Ein gewaltiger Klangapparat hatte sich zusammengefunden, um das Publikum an der Schöpfung der Welt teilhaben zu lassen. Ein grandioses Ereignis!

In der Ouvertüre wird das Urchaos in Musik gesetzt, schmerzvolle Vorhalte der Streicher in intensivem „con sordino“ und famose Holzbläser – solistisch geführt – stimmen ein, nehmen mit. Dramatische Zuspitzungen werden – und das bleibt den ganzen Abend so – als überaus angenehm empfunden. Es folgt ein Kaleidoskop an Stimmungen und Bildern, Haydn beherrscht beides: liebevolle Nahaufnahmen en détail und imposante Weitwinkelbilder mit einem Hang zur Apotheose. Doch nicht erzwungen, sondern natürlich und organisch im Wechsel. Der Chor ist professionell einstudiert, häufig am Ende eines Schöpfungstages und besonders bei der Choralfuge „Und seiner Hände Werk zeigt an das Firmament“ strahlen die Sänger majestätischen Glanz aus. Verschwenderische Klangorgien in C-Dur begeisterten die Menschen damals und heute (Sonnenaufgang), sind aber eingebettet in Passagen, die vor reflektierter Innerlichkeit glühen. So ist die Episode, die den Zug des Mondes über den Himmel schildert, sehr tief empfunden und jeder zeitlichen Vergänglichkeit entrückt. Himmlische Längen sind da zu hören und pastorale Idyllen im satten Waldhornklang, in ihrer Naivität fast groteske Lautmalereien und gefühlige Stimmungsbilder.

Das Orchester trägt die Zuhörer mit stetig wachsender Präzision über Stock und Stein hinweg, Renz ist als Dirigent und Koordinator stets hellwach, und es gelingt ihm immer wieder, seinen Mammutchor in leise Regionen zurückzunehmen, um dann neue Steigerungswellen zu meistern. Doch Joseph Haydn will noch mehr: Man meint die Schöpfung sei beendet, da hebt er an, die anthropologische Quintessenz zu vertonen. Der Mensch als Wesen, dem Dankbarkeit eignet, der fähig ist, mit seiner Stimme den Schöpfer zu loben.

Zu einer gelungenen Oratoriumsaufführung gehören auch gute Gesangssolisten und mit Lydia Zborschil (Sopran), Bernhard Schneider (Tenor) und Tobias Schabel (Bass) war die Wahl auf absolute Spitzensänger gefallen. Alle drei überzeugten, der Tenor bestach durch ein unglaublich weiches Timbre, der Bass mit einer kernigen Tiefe und die Sopranistin gefiel mit einer enormen Beweglichkeit auch in leisesten Bereichen. Glücklich der Kantor, der dann eine solch mutige junge Sängerin in seinen Reihen hat, die bei dem vierfachen finalen Amen das Terzett als Altistin zum Quartett ausbaut. Wenn es möglich ist, nach einem solchen Abend ein Fazit zu ziehen, dann könnte man sagen: Von Großem darf – wenn nicht sogar muss – groß geredet werden, Klangmalerei und Tiefgang sind bei vorhandenem Genius vereinbar.