"Choralpassion" von Hugo Distler

Gab eine ergreifende Interpretation von Distlers Werk: Backnanger Stiftskantorei. Foto: E. Layher

Foto: E. Layher

aus der Backnanger Kreiszeitung

vom 06.04.2010, Kultur

Eine Musik, die im Herzen nachklingt

Passionskonzert in der Stiftskirche – Unter Leitung von Bezirkskantor Renz erklang ein anspruchsvolles Choralwerk von Distler
 
Von Christoph Rothfuss
BACKNANG. Am Karfreitagabend fand in der Backnanger Stiftskirche die traditionelle Passionsmusik zur Todesstunde Jesu statt. Zunächst erklangen zwei Orgelwerke von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750), eingerahmt von zwei berührenden Lesungen. Bezirkskantor Hans-Joachim Renz spielte „Christus, der uns selig macht“ BWV 620 und zeigte harmonisch interessante Wendungen mit geschmackvollen Rubati. Sein Schüler Kai Dolde, der einer der vielversprechendsten Backnanger Nachwuchsorganisten ist, spielte den zweiten Satz (Adagio) aus der Triosonate Nr. 5 BWV 529 mit viel Ruhe und sehr getragenem Tempo.
Nun wurde es ernst für die Backnanger Stiftskantorei, denn mit der Choral-Passion, op. 7 von Hugo Distler (1908 bis 1942) hatte man ein überaus anspruchsvolles Werk ausgewählt. Distler schrieb dieses Werk, das sein umfangreichstes bleiben sollte, bereits im Alter von 24 Jahren. Die Passion besteht aus sieben Teilen und wird umrahmt von acht Variationen über den Choral „Jesu, deine Passion“, dessen Text Siegmund von Birken (1626 bis 1681) geschrieben hat. Die Sänger der Kantorei übernehmen aber nicht nur diese Choralvariationen, sondern auch die zahlreichen Turbae – (Volks)-Passagen.
Los geht es mit der einleitenden ersten Strophe des Passionsliedes: „Jesu, deine Passion will ich jetzt bedenken …“. Distlers Tonsprache ist tonal eindeutig gebunden, weist aber häufige Dissonanzreihungen auf. Der Sopran sinkt aus höchsten Höhen nieder, die Zeitebenen der einzelnen Stimmen überlagern sich zu einem komplexen Geflecht.
Ein Vorbild für Distler waren die Passionsvertonungen von Heinrich Schütz. In seiner Manier verzichtet er bei den Rezitativen auf instrumentale Begleitung, ja, die ganze Passion ist rein vokal gehalten. Neben dem Chor ist Dietrich Wrase als Evangelist eine tragende Säule der Aufführung. Er hat eine wunderbar flexible Tenorstimme und verfügt über eine immense dynamische Bandbreite, die bis ins feinste Pianissimo reicht. Jens Paulus als Christus überzeugt ebenso mit seinem kernigen Bass.
Als Jesus nach Jerusalem einreitet, jubelt ihm die Menge zu (Turbae: „Gelobt sei Gott“): Es geht wild durcheinander, doch ist eine geheime Ordnung hörbar. Die zweite Choralvariation („Du zeuchst als ein König ein, wirst gar saur empfangen“) singen in reiner Intonation nur die Frauen. Nun muss sich Jesus vor dem Rat der Pharisäer verantworten, und das Volk singt „Ja nicht auf das Fest“. Der dritte Teil behandelt das letzte Abendmahl, und die Jünger singen „Bin ich’s?“, als Jesus verkündigt hat, dass ihn einer aus der Runde verraten wird. Danach betet Jesus im Garten Gethsemane, wo er schließlich auch verhaftet wird. Die fünfte Choralvariation („Meine Augen sehen mach deine Angst und Bande“) ist in polyphoner Schreibweise gehalten. Jetzt muss Jesus Kaiphas, dem Hohepriester, Rede und Antwort stehen. Das jüdische Volk ruft „Er hat Gott gelästert“. Es schließt sich die sechste Choralvariation an („Jesus wusste von keiner Schuld, trug er auch die Strafen“), die von der Stiftskantorei luftig-ätherisch dargeboten wird. Und dann kommt Pilatus ins Spiel, der von einem Solisten der Kantorei gesungen wird. Zwei Turbae-Passagen („Sei gegrüßet“ und „Kreuzige ihn!“) folgen. Die siebte Choralvariation („Lehr mich, Jesu, dass ich gern dir das Kreuz nachtrage“) ist homophon, und Hans-Joachim Renz gelingt mit seinen Sängern ein passend zum Text milder Klang. Schließlich kommt die Passionsgeschichte zu ihrem Ziel auf Golgatha. Jens Paulus als Christus zeigt hier, dass auch er dynamisch sehr weit zurückgehen kann, bevor er dann verstummt. Die letzte Choralvariation („Jesu, dir sei ewig Lob, der du uns erlöset“) wird von den Frauen allein begonnen, sie schweben aus höchster Höhe hernieder, bevor dann die Männer das Fundament dazu liefern.
Tolle Solisten und ein perfekt einstudierter Chor sind die Zutaten für eine ergreifende Passionsmusik. Hans-Joachim Renz ist es wieder einmal gelungen, dies zu organisieren und zusammenzuführen – Musik, die einem ans Herz ging und dort auch nachklingen wird.